Jour fixe der Ökologischen Linken Köln

»Reine Natur und pure Unterwerfung«
Der Zusammenhang von Biologismus, Antisemitismus und Ökofaschismus
Mittwoch, 1. März 2006, 19.00 Uhr
DieterAsselhoven'ät'gmx.net


Ökologie(politik) befasst sich mit menschlicher Arbeit und ihrer
Wechselwirkung mit der äußeren Natur, mit mensch­lichem Handeln. Die
Beschäftigung mit Aspekten 'der Ökologie' – sei es die Mülltrennung, oder
der Verzicht auf den Konsum bestimmter umweltverseuchender Waren, oder die
fürsorgliche Beschäftigung mit der äußeren Natur, mit Pflanzen, Tieren oder
Landschaften – sagt nichts darüber aus, ob hinter den jeweiligen Bemühungen
emanzipatorische oder techno­kratische, reaktionäre Ziele stecken.

Emanzipatorische Ökologiepolitik hat als Ausgangspunkte die Kritik an der
kapitalistischen Ausbeutung und an der Herrschaft von Menschen über Menschen
und den Kampf gegen deren Folgen für den gesellschaftlichen Umgang mit der
äußeren Natur. Teil dieses Umgang ist eine Technik, die aus Profitgründen
»wie eine Besatzungsmacht in Feindesland« (Ernst Bloch) der Natur gegenüber
steht. Das führt zu den bekannten Folgen wie Klimaveränderungen mit
katastrophalen Auswirkungen und der Vergiftung von Luft, Böden und Ozeanen.
Durch die kapitalistische Entfesselung der Produktivkräfte kommt es zur
Entwicklung von Destruktivkräften wie der Atomtechnologie und ihrer
radioaktiven Verseuchung und der Gentechnologie mit ihren nicht rückholbaren
Gefahren und dem sich selbst vermehrenden Risiko.

Ökologiepolitik wird reaktionär, wenn sie diesen Zusammenhang ignoriert,
leugnet und auf den Kopf stellt, am extremsten u. a. in faschistischer
Ideologie: Danach sollen 'die' Menschen sich als angeblich von der Biologie
bestimmte Wesen so verhalten, wie es 'die' Natur mit ewig gültigen Gesetzen
vorschreibe. Die 'Begabten' leiten, die 'Unbegabten' dienen, 'starke' Männer
herrschen über 'schwache' Frauen, Behinderte und Hilfsbedürftige werden
ausgemerzt, die 'unproduktive Überbevölkerung' lässt man ohne soziale
Absicherung sterben. Oder, laut Herbert Gruhl, Gründer der Ökologischen
Demokratischen Partei (ÖDP): »Der Schwan ist weiß ... der Rabe ist schwarz,
alles ist von selbst an seinem natürlichen Platz. Das ist gut.« Die Natur
als höchste, »gnadenlose« Richterin kann dann z. B. in der Esoterik als
'Mutter Erde' angerufen werden. Bei faschistischen Ideologien werden die
ganzheitliche Blut-und-Boden-Land­schaft und das darin lebende 'Volk'
verherrlicht. Beim »Biozentrismus«, einer aktuellen Version reaktionärer
Naturbetrachtung, geht es um die Ein- und Unterordnung der Menschen unter
die Tierwelt, irgendwo zwischen Kakerlake und Schimpanse.

Immer häufiger werden Menschenrechte durch den Hinweis auf ihre
'Unnatürlichkeit' relativiert. Die Gleichsetzung von Tieren mit Menschen ist
im mainstream angekommen – sie ist auch in Teilen der so genannten
Antiglobalisierungsbewegung vorhanden, in denen die Ökofaschis­tInnen von
Earth First toleriert werden oder bei Anti-Pelz-Aktionen von so genannten
Tier’recht’lerInnen. Ein Beispiel für den ökofaschistischen und
antisemitischen Gehalt der ideologischen Konstruktion Tier’recht’ lieferte
die – nach eigenen Angaben – weltweit größte Tier'rechts'-Organisation PeTA
(People for the Ethical Treatment of Animals). Unter dem Titel »Der
Holocaust auf deinem Teller« zeigte PeTA auf seiner Internet-Seite eine
Aus­stellung, in der u. a. Bilder von aus­gemer­gelten KZ-Insassen neben
Fotos ausge­zehrter Tiere gestellt wurden oder wo Fotos der Todeszüge nach
Auschwitz mit Bildern von Tiertransporten parallelisiert wurden. Eine andere
Abbildung zeigt einen Leichenberg aus ermordeten Häftlingen neben einen Berg
toter Schweine. Ingrid Newkirk, Mitbegründerin und Präsidentin von PeTA in
den USA, brachte die Philosophie ihrer Organi­sation mit einem widerlichen
Auschwitz-Verharmlosung auf den Punkt: »Sechs Millionen Juden starben in den
Konzentrations­lagern, aber sechs Milliarden Hähnchen werden dieses Jahr in
den Schlachthäusern sterben«.

Mit Hilfe solcher biologistischer und antisemitischer Konstruktionen werden
Menschen als soziale Wesen angegriffen, die im Unterschied zu Tieren lern-
und bildungsfähig sind. Ihr Emanzipationspotential und ihre
Emanzipationswünsche werden verneint, als seien sie nur eine Tiergattung
unter vielen anderen.
Menschen verhalten sich nach diesem Schema richtig (gemäß ihrer
»biologischen Bestimmung«), wenn sie die 'vorgegebene' Ordnung der Natur
beachten. Natürliches Verhalten ist in dieser Logik dann auch, sein 'Volk'
gegen fremde Eindringlinge zu verteidigen. Die prominente Schauspielerin
Brigitte Bardot kämpft gegen den Pelzhandel und hadert mit anderen
»unnatürlichen« Erscheinungen wie Schwulen – laut Bardot »verweichlichte
weibische Typen der untersten Sorte« und unterstützt den Front National und
Le Pen. Peter Singer, der australische Euthanasiephilosoph, will die Welt
von der 'Belastung' durch behinderte Neugeborene oder unheilbar Kranke
befrei­en, die er als »menschliches Gemüse« (O-Ton Singer) bezeichnet und
will sie als Organ-Ersatzteillager verwertet oder beseitigt sehen.

Bei rechten ÖkologInnen wird die Kritik an Einzel­phäno­menen (z. B. das
Auto, die Jagd, der Zucker, der Tabak, das Fleisch) sekten­haft
verabsolutiert. Die Naturzerstörung wird auf 'den schlechten Menschen'
zurück geführt, der durch spirituelle Führung – auf jeden Fall aber durch
eine Führungselite – wieder auf den rechten Pfad der Unterwerfung unter
nicht mehr hinterfragbare Gesetze gebracht werden müsse.
Linke Ökologiepolitik will verhindern, dass die äußere Natur als Ware und
Rohstoff für beliebige kapitalistische Zwecke verfügbar gemacht wird. Ein
Beispiel ist die kapitalistische Landwirtschaftsindustrie, die
(Selbst-)Versorgungs­strukturen zerschlägt und Menschen verhungern lässt,
die Böden erodiert und die Artenvielfalt einschränkt, die patentierte
Genpflanzen ausbringt und pflanzliche Futtermittel für einen völlig
übertrie­benen Fleischkonsum in den Metropolen verschwen­det. Ein anderes
Beispiel ist die Ausweitung des umweltzerstörerischen Personen- und
Güterverkehrs aufgrund der aus Profitgründen gesetzten Anforderungen, dass
Waren und Rohstoffe möglichst billig und staatlich subventioniert per Auto-
und LKW-Verkehr transportiert werden.

Gegen ÖkofaschistInnen, EsoterikerInnen, Tier'recht'lerInnen oder
BiozentristInnen muss die universelle Gültigkeit von radikalem Humanismus
und uneingeschränkten Menschenrechten verteidigt und Widerstand gegen die
kapitalistische Verwertung der Natur geleistet werden.