Universität zu Köln
Institut für Phonetik


Aufbauseminar
Phonetische Feldforschung
Maja Warnking


WS 2003/ 2004



Korpuserstellung
und die Arbeit mit Informanten





von
Pascal Christoph
Matrikelnummer: 3611531
Kalscheurer Weg 31
50969 Köln
Tel. 0221 - 8002553
Email: christop@smail.uni-koeln.de

Abgabedatum 26.03.2004




1.Einleitung


2.  Erstellen von phonetischen Korpora
 
2.1.  Aufgabe eines Korpus und Definitionen
 2.2.  Wortliste
 2.2.1.  Ein Beispiel
 2.2.2.  Wörter finden
 2.2.3.  Eigenes Wörterbuch erstellen
 2.3.  Technik der Annäherung
 2.4.  Rahmen
 2.5.  Kontroll-Text



3.  Auffinden eines Sprechers
 
3.1.  Wer ist ein geeigneter Sprecher?
 3.2.  Bitte beachten : vor der Forschung ...
 3.3.  Finden des Sprechers
 3.4.  Anzahl der Sprecher



4.  Die Arbeit mit einem Informanten
 4.1. Verständigung
 4.2.  Die Zusammenarbeit
 4.2.1.  Falsche Annahm1. en
 4.2.2.  Geschickt Fragen stellen
 4.2.3.  Die Arbeit mit der Gruppe
 4.2.4.  Informationen über die Informanten
 4.2.5.  Übersetzungsfehler
 4.2.6.  Erklären der Arbeit
 4.2.7.  Fehler minimieren
 4.3.  Entlohnung des Informanten
 4.4.  Bitte beachten: vor der Veröffentlichung ...


5.  Schlussbetrachtung


6.  Literaturverzeichnis





1. Einleitung
Vorliegender Text ist die Ausarbeitung eines von mir am 17.11.2003 im Kurs gehaltenen etwa ein-stündigen Referats. Ich referierte über “die Vorbereitungen für die Feldforschung”. Als Hauptquelle diente mir das Buch von Ladefoged.
Folgende drei Fragen standen im Mittelpunkt:
a) Wie werden Korpora erstellt?
b) Wie wird ein geeigneter Sprecher gefunden?
c) Wie gestaltet sich die Arbeit mit einem Informanten?

In vorliegender Arbeit halte ich mich eng an den Vortrag, spezifiziere aber komplexere Zusammenhänge. Auf der anderen Seite entfallen die Fragen und Kommentare, die während und nach dem Vortrag gestellt wurden, da nun die Möglickeit gegeben ist, eventuelle Unklarheiten an geeigneter Stelle im vorliegenden Text im Selbststudium zu erklären.

2. Erstellen von phonetischen Korpora
Dieses Kapitel handelt vom eigentlichen Arbeitsziel des phonetischen Feldforschers. Daher bestreitet dieser Abschnitt den größten Teil des vorliegenden Textes. Als Anleitung dienend, erläutere ich die Kernantwort auf die Frage “Wie wird ein phonetisches Korpus erstellt?”, samt Definitionen und einem Beispiel aus dem Unterricht.

2.1. Aufgabe eines Korpus und Definitionen
Korpora bezeichnet die Mehrzahl von Korpus. Korpus bedeutet “ Eine für linguistische Analysen zusammengestellte, repräsentative Sprachprobe” ( Crystal,1998:410).
Da sich meine Arbeit mit der Erstellung von phonetischem Korpus beschäftigt, soll der Begriff “Sprachprobe” besser durch den Begriff “Lautinventar” spezifiziert werden. (Andere Korpora mögen etwa die Illustration syntaktischer Strukturen, Höflichkeitsfloskeln, Kasus usw. zum Gegenstande haben.)
Noch genauer kann “Lautinventar” dann durch “vom nativen Sprecher gesprochene Wortliste” ersetzt werden. Die Korpusdefinition lautet nach der Substitution durch diese weitergehenden Definitionen dann wie folgt:
“Ein phonetisches Korpus illustriert das Lautinventar einer Sprache. Es wird mit Hilfe einer Wortliste, die von einem nativen Sprecher gesprochen wird, erstellt.”

Auf den technischen Aspekt, z.B. mit welcher Art von Aufnahmegeräten Sprachäußerungen aufgenommen werden, oder wie diese im Labor zu analysieren sind, gehe ich dabei nicht ein. Es soll die Frage nach dem WAS des Aufnehmens geklärt werden, nicht das WIE der Aufzeichnung von Lautsprache. Grundlegend ist festzustellen, daß es nicht sehr hilfreich wäre, einfach von einer Sprache beliebige Äußerungen aufzunehmen. Die Äußerungen müssen, um den Anforderungen für das Erstellen eines Korpus zu genügen, notwendigen Kriterien erfüllen. Dazu eignet sich die sogenannte Wortliste.

2.2. Wortlisten
Wortlisten werden erstellt, noch bevor überhaupt bloß ein Laut aufgenommen wird. Sie sind das Mittel zum Zweck,d.h. das Lautinventar der Sprache wird durch die Lautumsetzung der Wörter dieser Liste durch native Sprecher beschrieben. Die Methode, diese Liste lediglich vorlesen zu lassen, eignet sich nicht. Besser ist es, dem Dolmetschenden diese Sätze der Wortliste in der Kontaktsprache dem nativen Sprecher vortragen zu lassen. Der native Sprecher muß diese dann in seiner Sprache wiederholen. Als ein Beispiel werde ich im Kapitel 2.2.1 die Wortliste von Maja Warnking wiedergeben, die wir im Unterricht zur “praktischen Übung der Feldforschung über die VoiceOnsetTime der Plosive im Deutschen” bekommen haben.

Ladefoged unterstreicht in seinem Buch “Phonetic data analysis: an introduction to fieldwork and instrumental techniques”:
“Almost nothing in the study of the phonetic characteristics of a language is more important than this initial work on a word list.” (Ladefoged,2003:11).
In das Erstellen einer solchen Liste sollte also viel Zeit und Mühe investiert werden.
Für die verschiedenen Arten von Untersuchung müssen unterschiedliche Listen gefunden werden. Hat z.B. die Arbeit das Aufzeichnen aller Phoneme einer Sprache zur Aufgabe, so sollten natürlich die Wörter alle Phoneme der Sprache enthalten (zudem auch möglichst viele Allophone).

2.2.1. Ein Beispiel
Ist z.B. das Ziel der Arbeit, die Zeit zwischen der Lösung des Plosivs bis zum Einsetzen der Stimmhaftigkeit des folgenden Phonems, also die “VoiceOnsetTime der Plosive”, zu messen, darf sich auf die Plosive beschränkt werden.
Es folgt dazu die oben beschriebene Wortliste von Maja Warnking:
Ich  habe "hab" gesagt
Ich  habe "hatten" gesagt
Ich  habe "stecke" gesagt
Ich  habe "Pfahl" gesagt
Ich  habe "Skizze" gesagt
Ich  habe "Hatz" gesagt
Ich  habe "Napf" gesagt
Ich  habe "Tasse" gesagt
Ich  habe "hack!" gesagt
Ich  habe "spitz" gesagt
Ich habe "Städte"  gesagt
Ich  habe "Fax" gesagt
Ich  habe "hat" gesagt
Ich  habe "passe" gesagt
Ich  habe "Steppe" gesagt
Ich  habe "hocken" gesagt
Ich  habe "Stift" gesagt
Ich  habe "Zahl" gesagt
Ich  habe "Xaver" gesagt
Ich  habe "Kasse" gesagt
Ich habe "Happen"  gesagt

(Zur Erzeugung anderer Wortlisten, speziell der für eine Bestandsaufnahme aller Phoneme einer Sprache in ihrer natürlichen Lautumgebung: siehe Ladefoged,2003).
In den verschiedenen Wörtern finden sich alle Plosive des Deutschen wieder. Die Plosive kommen in unterschiedlicher Lautumgebung vor:
das Phonem /p/ z.B. erscheint in der Umgebung vor /f/ als Affrikate in dem Wort “Pfahl”, in dem Wort Steppe vor /e/, in spitz vor /i/, in passe vor /a/ und als nasale Lösung in Happen vor /n/. Dies ist wichtig, da unterschiedliche Distributionen unterschiedliche VoiceOnsetTime haben könnten (und auch tatsächlich haben).

2.2.2. Finden der Wörter
Am einfachsten wäre es sicherlich, die benötigten Wörter aus einem Wörterbuch abzuschreiben. Wenn in einem Wörterbuch die Worte bloß in ihrer Orthographie, nicht aber in der Transkription, abgebildet sind, könnte der Laie zum Schluß kommen, daß durch unterschiedliche Orthographie impliziert sei, die Lautstruktur wäre unterschiedlich. Dem ist aber nicht unbedingt so: z.B. besitzt das Wort Märtyrer (im Sinne von “sich für die Sache opfern”) zwar eine unterschiedliche Orthographie zu Mehrtürer (im Sinne eines “Autos mit mehreren Türen”), doch phonetisch betrachtet sind die Worte identisch. Wohingegen z.b Montage (einen Wochentag bezeichnend) exakt so geschrieben wird wie Montage (im Sinne der Art der Arbeit), doch beide sind, phonetisch gesehen, nicht gleich.

Im obigen Beispiel würde das Wort Happen gar nicht als Beispiel für eine nasale Lösung des Plosivs entdeckt – weil es eben nicht als Happn geschrieben wird (aber gesprochen). Es hilft also nur ein Transkriptionswörterbuch weiter.

2.2.3. Eigenes Wörterbuch erstellen
Wenn der Zugriff auf ein (Transkriptions-) Wörterbuch nicht möglich ist, was z.B. bei einer eher undokumentierten Sprache wahrscheinlich ist, sollte das vorhandene linguistische Wissen über die Sprache recherchiert werden. Das geschieht am besten in Bibliotheken, vielleicht auch in jenen vor Ort (also des nächsten größeren Ortes des zu untersuchenden Gebietes, möglicherweise einer nahegelegenen Universität, bestenfalls eine mit einem lingusitischen Institut) – einen Überblick möge sich auch durch das Internet verschafft werden.

Es gilt, sich im Falle des Fehlens eines Transkriptions-Wörterbuches ein solches selber zu erschaffen. Dazu sollten alle Texte, die in dieser Sprache vorliegen, digitalisiert werden. Dann lassen sich die Wörter von einem Rechner alphabetisch (bzw. Nach den gewünschten Kriterien) sortieren. So läßt sich ein wahrscheinlich kleines, aber für den Anfang ganz nützliches Wörterbuch erzeugen. Wenn allerdings überhaupt kein Textmaterial vorliegt, dann muß der Text selber erst erstellt werden. Dazu wird ein nativer Sprecher nach einem Wort gefragt, auf welches sich der Sprecher dann Reime einfallen lassen muß. Beispielsweise erzeugt die Aufzählung der sich reimenden Worte “biete, Miete, Niete, ziehte ...” eine pasable Konsonatenliste in der Lautumgebung vor /i:/.
Wenn der Informant, wie der native Sprecher auch genannt wird, nicht von selber erkennt, welche Worte benötigt werden, müssen die Wörter selbst ausgedacht werden. So wäre auf ein vom Informant initial gegebenes Wort wie “biete” dann durch Erfinden sogenannter Logatome, also Kunstwörter, die Liste erweiterbar, indem gefragt wird: “gibt es Fiete? Giete? Hiete? Jiete? Kiete? Liete? Miete? Niete? ...” und wenn der native Sprecher eines der Worte als akzeptabel deklariert, wäre es vom Status "Logatom" zum "lexikalischen Eintrag" gewechselt. Dies ist wichtig, da Kunstwörter unerwünscht sind, weil es viele Menschen gibt, die Schwierigkeiten damit haben, diese Wörter "richtig", d.h. "natürlich" zu betonen und auszusprechen. Das ist aber von entscheidender Bedeutung für die Erstellung eines brauchbaren Korpus.
Zur Sicherheit sollte die fertige Wortliste mit dem Sprecher durchgegangen werden, und spätestens beim Aufnehmen der Wörter sollte nachfragt werden, ob es diese Wörter denn tatsächlich gibt, d.h. ob sie gebräuchlich sind. Eine Erläuterung der Bedeutung eines Wortes in Anwesenheit anderer Sprecher, die der Erklärung gegebenenfalls widersprechen können (wenn sie das Wort nicht kennen), sollte ausschließen, daß Logatome in das Wörterbuch mitaufgenommen werden.

2.3. Technik der Annäherung
Welche Phoneme stehen nun tatsächlich hinter den Lauten? Am sichersten ist es, die Laute nachzuahmen und die nativen Sprecher vor Ort zu befragen, ob die Nachahmung perfekt ist.
Als ausgebildeter Phonetiker läßt sich schnell ein palatales /k/ erzeugen, und wenn der native Sprecher diesen Laut als optimaler bewertet, als z.B. das uvulare /k/, so sind dies Informationen, die später bei der Auswertung der Aufnahmen von unschätzbaren Vorteil sind, denn oftmals lassen sich solche Feinheiten aus der Sprachprobe später im Labor nicht erkennen.
Ladefoged beschreibt eine nützliche Technik, um einen Laut nachzuahmen: die Technik der Annäherung. Dabei wird versucht einen Laut nachzuahmen, und zwar auf zwei verschiedene Weisen. Bei einem Wort mit /k/ könnte das zum Beispiel die palatale und die velare Realisation sein. Der Informant soll sich danach für eine der beiden Varianten entscheiden.
Oder dasjenige bezeichnen, welches er als perfekt empfindet. Dies wird so weiter gemacht, Varianten sind auszuprobieren, bis der Laut perfekt nachgeahmt ist. Doch Vorsicht: manchmal liegt es gar nicht daran, daß ein Laut falsch erzeugt wurde, sondern es sind die suprasegmentalen Markierungen und prosodische Merkmale, die falsch gesetzt sind. Wird beispielsweise eine Silbe falsch betont, wird die komplette Aussprache als schlecht verworfen, unabhängig von der möglicherweise ganz richtigen Realisierung der Phoneme.
Also kann der richtige Laut nicht getroffen werden, weil der richtige Ton nicht getroffen ist. Es ist von eminenter Bedeutung von den nativen Sprechern zu verlangen, daß die Beurteilung der Aussprache höchsten und strengen Ansprüchen genügen muß. Es schadet, wenn der Informant, bloß um nicht zu enttäuschen oder um nett zu sein, jedesmal zustimmt, wenn die Laute nachgeahmt werden. Erfoderlich ist, die Wichtigkeit der richtigen Nachahmung des Lautes zu verdeutlichen. Dafür ist zu erklären, daß Feldforscher gerne verbessert werden.

2.4. Rahmen
Der Rahmen zu den Wörtern (”Ich habe ... gesagt”) dient als Lautrahmen.
Diese Rahmen gibt es in verschiedenen Variationen, z.B. “Wiederhole ... nochmal”, “Repeat ... twice”, “Say ... again” et cetera.
Lautrahmen sollen die suprasegmentalen Störungen tilgen. Zu diesen Störungen gehört beispielsweise die unnatürliche Betonung des Sprechers des letzten vorzulesenden Wortes. Im Deutschen ist dieses Phänomen unter dem Begriff der “Knarrstimme” bekannt. Für das Englische weist Ladefoged darauf hin, daß das letzte Wort “had” in der Wortliste : “ heed, hid, head, had” von Sprechern oft in einem tieferen Ton und mit verlängertem Vokal gesprochen wird. Der Lautrahmen hilft, diese Effekte für die Wörter der Liste zu verhindern, um damit ein möglichst unverfälschtes Ergebnis zu bekommen. Tatsächlich hilft ein Lautrahmen. Damit ist aber nicht ausgeschlossen, daß keinerlei Störungen auftreten können.

2.5. Kontroll-Text
Um die Daten, die aus der Aufnahme der gesprochenen Wortliste resultieren, verifizieren zu können, ist es ratsam, zusätzlich einen Text aufzunehmen. Einer der Standard-Texte hierzu ist die Geschichte von “Nordwind und Sonne”:
“Einst stritten sich Nordwind und Sonne, wer von ihnen beiden wohl der Stärkere wäre, als ein Wanderer, der in einen warmen Mantel gehüllt war, des Weges kam. Sie wurden einig, daß derjenige für den Stärkeren gelten sollte, der den Wanderer zwingen würde, seinen Mantel abzunehmen. Der Nordwind blies mit aller macht, aber je mehr er blies, desto fester hüllte sich der Wanderer in seinen Mantel ein. Endlich gab der Nordwind den Kampf auf. Nun erwärmte die Sonne die Luft mit ihren freundlichen Strahlen, und schon nach wenigen Augenblicken zog der Wanderer seinen Mantel aus. Da mußte der Nordwind zugeben, daß die Sonne von ihnen beiden der Stärkere war.”

3. Auffinden eines Sprechers
Wie wird ein Informant gefunden? Wer wird genau gesucht? Was sollte über die Kultur der nativen Sprecher und des Landes bekannt sein? Das dritte Kapitel erläutert diese Fragen.

3.1. Wer ist ein geeigneter Sprecher?
Ein guter, geeigneter Sprecher muß folgende Vorraussetzungen mitbringen:
a) Er muß ein “gewöhnlicher” Sprecher sein und keinesfalls ein Lehrer, der die Wörter überdeutlich ausspricht. Was den Feldforscher interessiert, ist die alltägliche Aussprache gewöhnlicher Menschen.
b) Die Sprecher sollten über alle Zähne verfügen, damit eine möglichst natürliche Aussprache erfolgt.
c) Die Informanten sollten über Geduld verfügen. Auch sollte beachtet werden, ob es leicht ist, mit einer Person zu arbeiten oder ob diese zu leicht ablenkbar ist, sich als unkonzentriert, müde oder ungeduldig erweist, denn die psychische Konstitution eines Informanten hat großen Einfluss auf die Zusammenarbeit.
d) Die Menschen, mit denen gearbeitet werden soll, müssen über Freizeit verfügen. Hört sich trivial an, aber was nützt der beste Informant, wenn er gerade bei der Ernte tätig ist und täglich dort 12 Stunden zubringt? Ein müder Sprecher wird unkonzentriert sein.
e) Ein nativer Sprecher sollte die zu untersuchende Sprache auch jeden Tag benutzen. Nur ausreichende Sprachkentnisse sind nicht genügend, es sei denn, es gibt keine weiteren Sprecher der Sprache.

Es gilt, in Erfahrung zu bringen, wie gut die nativen Sprecher die Sprache sprechen, ob diese täglich benutzt wird oder nur am Wochenende, mit welchen anderen Sprachen die Sprecher Kontakt haben, und wie intensiv dieser Kontakt ist, wie lange jemand außerhalb der Sprachgemeinschaft lebt et cetera (siehe dazu auch 4.2.4.).

3.2. Bitte beachten : vor der Forschung ...
Wer auf eine andere Kultur trifft, trägt Verantwortung, erweist sich als ein “Botschafter” und sollte sich also diplomatisches Verhalten aneignen. Dies gilt umso mehr, je weiter die zu erforschende Kultur von dem westlichen Informationszeitalter entfernt ist. In Anlehnung an Ladefoged ist wichtig zu unterstreichen, daß nichts im Zusammenhang mit der Zusammenarbeit mit einem nativen Sprecher notwendiger ist, als das Kennenlernen der Kultur des Informanten.
Aus der Uninformiertheit des Forschers über die jeweilige Kultur resultieren zahlreiche Missverständnisse, die dazu führen können, daß die Sprechergemeinschaft in Zukunft mit “Ausländern” über Jahre hinweg nicht zur Zusammenarbeit bereit ist.

3.3. Finden des Sprechers
Vor der Erforschung der Sprache mag es nötig sein, eine offizielle Erlaubnis im zu untersuchenden Land einzuholen. Sollte z.B. der Gegenstand der Untersuchung eine Sprache sein, die von dem Land als unerwünscht deklariert wurde, könnte es sein, daß sich schnell ein ungemütlicher Kontakt mit den Behörden des Landes ergibt, der für den Forschenden in Tagen des Gefängnisaufenthalts münden kann.

Für das Finden eines nativen Sprechers können folgende Personen hilfreich sein:
a) Wird die Erlaubnis eingeholt, so gibt es in dem Amt oft einen Kontaktbeamten, dem über die Arbeit zu berichten ist. Dieser kennt vielleicht native Sprecher oder kann ein Treffen mit einer Kontaktperson arrangieren.
b) Es gibt in der Umgebung einen Lehrer, der die zu untersuchende Sprache spricht, oder jemanden kennt, der dies kann.
c) Ein ortsansäsiger Postbeamter ist eine gute Informationsquelle.
d) Linguisten oder Missionare, die dort gelebt haben, kennen meistens gute Sprecher. Für das Finden von diesen Linguisten oder Missionaren können wiederum die in a) bis c) genannten Personen hilfreich sein.

3.4. Anzahl der Sprecher
Es ist erforderlich, mit mehreren Sprechern zu arbeiten – würde nur ein Einzelner befragt,so wäre ein Idiolect aufgezeichnet. Allgemeingültige Aussagen sind dann nicht mehr zu treffen, und damit gelten die Ergebnisse (heutzutage) als unwissenschaftlich.
Eine Gruppe von 6 Männern und 6 Frauen ist die Standardanforderung.

4. Die Arbeit mit einem Informanten
Welche Probleme sind zu erwarten, wenn der Forschende mit Menschen arbeitet, deren Sprache er nicht spricht und dessen Kultur der eigenen vollkommen fremd ist? Wie werden Fehler in den Ergebnissen im Vorfeld verhindert? Was darf nicht vergessen werden? Worauf ist zu achten bei der Arbeit mit den nativen Sprechern? Wie wird der Informant am Ende entlohnt? Der folgende Abschnitt gibt darüber Aufschluß.

4.1. Verständigung
Zwar sind die meisten nativen Sprecher einer kleineren Sprachgemeinschaft mindestens zweisprachig, wenn vom Feldforscher aber diese zweite Sprache, die meistens die Amtssprache des Landes ist (oft Englisch, Französisch, Spanisch, Mandarin ...), nicht beherrscht wird, so bedarf es eines Dolmetschers. Der Dolmetscher wird meistens Englisch sprechen müssen, um die Kommunikation zu dem Forscher zu gewährleisten, und die gängige Amtssprache, um mit dem nativen Sprecher zu kommunizieren. Diese Vermittlung birgt die Gefahr von Übersetzungsfehlern, wie in 4.2.5 angeführt.
Es ist von Vorteil, wenn die Forscher Begrüßungsformeln wie “Hallo”,”Mach’s gut”, und Höflichkeitsfloskeln wie “Bitte” und “Danke” in der Sprache der Informanten sprechen können. Dies zeigt den nötigen Respekt.
Darüber hinaus ist notwendig, sich vorher über die sozialen Umgangsformen, die Sitten und Gebräuche im täglichen Leben zu informieren. Angepasstes Verhalten des Forschers trägt dazu bei, daß die Sprecher kooperativer werden.

4.2. Die Zusammenarbeit
Damit die Zusammenarbeit mit den Informanten erfolgreich wird, sollten einige Erkenntnisse beachtet werden, die aus der praktischen Erfahrung gewonnen wurden. Es handelt sich dabei um Detailfragen, doch kann die Summe der Probleme,die mit diesen Details einhergehen, die Arbeit ebenso deutlich in die Länge ziehen wie die Qualität der Ergebnisse mindern.

4.2.1. Falsche Annahmen
Die meisten Sprecher werden dem Inhalt der Äußerungen die höchste Priorität beimessen, während dem Phonetiker aber die Art und Weise der Lauterzeugung interessiert.
Der Inhalt des Gesagten ist nur in sofern interessant, als daß das Wort überhaupt irgendeinen lexikalischen Wert besitzen muß, also kein Logatom ist.
Dem Informanten gegenüber stehend, sollte er nicht befragt werden “Warum wird das Wort so-und-so ausgesprochen?” oder “Wie wird das Wort ausgesprochen?” etc.; Mit dem Zweck die Beantwortung dieser Fragen zu gewährleisten, wird das Material gesammelt, um dann im Labor untersucht zu werden. Den meisten nativen Sprechern, zumal Unstudierten, zumal linguistisch Unstudierten, sind Metareflektionen über die eigene Sprache fremd. Ein Phonetiker ist dazu ausgebildet diese Fragen beantworten zu können.

4.2.2. Geschickt Fragen stellen
Ganz grundsätzlich sollte direktes Fragen vermieden werden, etwa “Wie betonst du das Wort wortXYZ?”. Solche Fragen werden oft beantwortet mit “So wie du das gerade getan hast”, sei es aus Achtung vor dem Forscher, sei es aus Faulheit, sei es aus Nettigkeit.
Es ist daher besser, den Sprecher eine Sprachprobe artikulieren zu lassen, etwa durch die vom Sprecher zu benutzenden Rahmen :”Wiederhole -wortXYZ- ein weiteres mal”.
Fragen wie “Ist es möglich, daß das Wort -plunsch- existiert” sind zu ungenau gestellt.Ein Sprecher mit Neigung zur Philosophie wird vielleicht antworten “Möglich ist es”. Interessant ist aber, ob das Wort in der Kommunikation mit Mitmenschen benutzt wird.

Die gute Strategie ist einfache, klare Fragen zu stellen. Wenn die Informanten Probleme mit den Fragen haben, dann mögen sie verunsichert werden, und aus der Tatsache heraus, daß sie am besten die zu untersuchende Sprache kennen, werden sie versuchen, Schwierigkeiten zu überspielen. Daraus können sich ernsthafte Fehler und falsche Annahmen ergeben.
Ein Trick beim Erfragen ist,vorzugeben, daß dieses oder jenes Wort artikuliert werden soll. Nebenbei muß der Sprecher aber auch jenes Wort gebrauchen, daß wirklich interessiert.Es wird festzustellen sein, daß das fingierte Wort des Interesses überbetont und überkorrekt artikuliert wird, während das eigentliche Wort des Interesses ganz nebenbei und damit ganz gewöhnlich gesprochen wurde.

4.2.3. Die Arbeit mit der Gruppe
Es sollte besser nicht gleichzeitig mit mehreren Informanten gearbeitet werden. Es mag ein interner Wettbewerb auftreten, wer also von den Informanten der bessere Sprecher sei. Dies führt zu unnatürlichen Ergebnissen.

4. Informationen  über die Informanten

Sprechen die Informanten ein Wort verschieden aus? Liegt dies etwa am Alter, an Dialecten (durch verschieden-regionale Herkunft), am Geschlecht, an der Berufsgruppe oder dem sozialen Status des Sprechers?

Damit diese Fragen beantwortbar sind, müssen Aufzeichnungen mit den Biografien der Sprecher erstellt werden. Ratsam ist, daß sich der Sprecher und der Forscher bereits vor der Arbeit kennelernen. So fallen schneller die Verkrampfungen und Hemmungen und der Forscher kann in der Kennenlernphase mehr über die Hintergründe des Informanten erfahren.

4.2.5. Übersetzungsfehler
Übersetzungsfehler treten häufiger auf, als
erwartet wird. Meistens sind die Fehler harmlos,sie können aber manchmal zu Konflikten
führen. Hierzu gibt Kibrik ein Beispiel an:
“The worst example I know of such an error was in the case of a natives sentence purporting to mean ‘Thou shalt not take the name of the Lord in vain’, but which when retranslated into the contact language turned out to mean ‘Thou shalt not pay attention to the words of the lord’”.

4.2.6. Erklären der Arbeit
Es sollte versucht werden, sich zu erklären um dabei zu verdeutlichen, was die Aufgabe eines Phonetikers ist. Es ist möglich, daß mit einem erfahrenen Sprecher zusammengearbeitet wird oder daß sich ein Sprecher findet, der schnell versteht, was von ihm erwartet wird. Dann wird das Erstellen der Wortlisten einfacher.

4.2.7. Fehler minimieren
Die sogenannte Kreuz-Befragung entdeckt Unstimmigkeiten. Dazu sollte ab und an zwei verschiedene Lautrahmen für ein Wort benutzt werden. Falls die Wörter unterschiedlich ausgesprochen werden, stimmt etwas nicht.
Eine schlichte Wiederholung, z.B. die der Artikulation der Wortliste, schafft Validierungsmöglichkeiten. Da außerdem mehrere Informanten aufgezeichnet werden, ist Material vorhanden, das gegenseitig auf Eindeutigkeit überprüft werden kann.
Existiert schon eine andere Studie über die Sprache, sollten die Daten und das Korpus anderer Forscher verglichen werden, und mögliche Unterschiede herausgearbeitet und festgehalten werden.
Je mehr über die Sprache gewußt ist, und je mehr über die Kultur, desto besser lassen sich Missverständnisse und Fehler vermeiden.
Im Besonderen ist darauf zu achten, daß die Sprecher in guter Verfassung sind.
Jeder Mensch macht Fehler. Das gilt für den Forscher wie für die Sprecher. Das Aufbringen von Verständnis und Rücksicht ist oberstes Gebot.
Wert darauf legend, daß die Qualität der Ergebniße wichtiger ist als die Quantität, sollte im Zweifelsfall die Arbeit unterbrochen werden, z.B. um persönliche Missverständnisse aufzuklären oder um der Gruppe Erholung zu gönnen oder um an religiösen Festen teilzuhaben et cetera.

4.3. Entlohnung des Informanten
Die Informanten sind auf jeden Fall zu entlohnen.
Es ist darauf zu bestehen, daß die Befragung Arbeit bedeutet, auch wenn einzelne Sprecher dies anders sehen werden, z.B. weil sie froh sind, etwas für die Dokumentation ihrer Sprache tun zu können.
Hartnäckigen Personen kann der Vorschlag gemacht werden, daß sie das Geld für wohltätige Zwecke verwenden könnten.
Meistens ist es einfacher, die Menschen zu bezahlen, wenn ihnen klar gemacht wird, daß es nicht das eigene Geld ist, womit sie bezahlt werden, sondern das der Auftraggeber.
Eine gute Basis für die Höhe der Bezahlung ist das Doppelte dessen anzubieten, was der Informant normalerweise verdient. Sollte der Informant keine Arbeit haben wird als Basis das Doppelte dessen veranschlagt was ein einfacher Arbeiter (auf dem Feld/der See) verdient.
Sollte aber mehr verlangt werden, ist es am vernünftigsten, sich einen anderen Informanten zu suchen.


4.4. Bitte beachten: vor der Veröffentlichung ...
Bevor Ergebnisse veröffentlicht werden können, muß sichergestellt sein, daß die an der Arbeit Beteiligten mit der Veröffentlichung einverstanden sind. Diese Einverständniserklärung geschieht in der Regel in schriftlicher Form, kann aber auch, falls der native Sprecher des Schreibens nicht mächtig ist, in mündlicher Form aufgezeichnet werden.
Die meisten Informanten werden es als Auszeichnung verstehen, wenn ihr Name explizit angegeben wird. Einige befürchten vielleicht Repressionen und wollen in Berichten nicht namentlich erwähnt werden. Jedoch ist das generelle Einverständnis zur Veröffentlichung einzuholen.

5. Schlussbetrachtung
Liegen die initial geforderten Fähigkeiten beim Erstellen der Wortliste eher im selbstständigen Erarbeiten und im analytischen Bereich, so verlangt das Arbeiten mit Informanten ein ausgeprägtes Geschick im Umgang mit Menschen.
Zusätzlich zu den oben genannten Eigenschaften des Forschenden gehört der sichere Umgang mit Behörden, d.h. vor allem geduldig und beharrlich zu sein. Landestypische Verhaltensregel gegenüber Behörden sollten im Vorfeld studiert werden.
Die Vorraussetzung für ein Gelingen der Feldforschung ist ein aufrichtiges Interesse an der Kultur der nativen Sprecher. Ohne das Wissen über die Kultur ist es schwer, geeignete native Sprecher zu finden, und es grenzt an Verantwortungslosigkei, ohne entsprechende Kulturkenntnisse mit den Informanten zu arbeiten.
Für die Schaffung eines guten phonetischen Korpus ist großer Arbeitsaufwand sowohl im Vorfeld als auch vor Ort nötig. Notwendig ist die gründliche Vorbereitung durch entsprechende Literatur. Für einen tieferen Einblick empfehle ich das leicht verständliche und unterhaltsame Buch von Altmeister Ladefoged.



Literaturverzeichnis :
 -    Ladefoged,  Peter, 2003. Phonetic Data Analysis. An Introduction to phonetic  fieldwork and instrumental techniques. Oxford: Blackwell  Publishing.
 -     David Crystal, 1998. Die Cambridge  Enzyklopädie der Sprache. Frankfurt/New York: Campus.
 -     Kibrik,  Aleksandr, 1977. The methodology of field investigations in  linguistics. The Hague: Mouton.