Magister-Prüfung im 2. Nebenfach: Allgemeine Sprachwissenschaft
Name:
Pascal Christoph
E-mail:
pascal.christoph'at'web.de
Fachsemester:
10
Prüfer: Prof. Dr. Fritz Serzisko
Thema: Lässt sich Bewusstsein in eine Software programmieren? Problemskizze in Bezug auf die (computer-)linguistische Modellierbarkeit von Semantik natürlicher Sprachen.
Stichworte:
Objektivistische Sicht (Aristoteles), Computer-Gehirn Vergleich (Von Neumann), Konzepte, Diskretheit, Prototypen (Rosch), Strukturelle Semantik (Saussure), Transkribtionsbegriff (Jäger),Kognitive Linguistik (Lakoff), Neuroarchitektur (Damasio), Grenzen der Computabilität
Literatur:
Lakoff, George. 1990 [1987]. Women, Fire and Dangerous Things. What Categories Reveal about the Mind. Paperback edition. Chicago, London: The University of Chicago Press
Linz, Erika. 2002. Indiskrete Semantik. Kognitive Linguistik und neurowissenschaftliche Theoriebildung. München: Wilhelm Fink Verlag.
Hofstadter, Douglas R. 2001 [1991]. Gödel, Escher, Bach: ein Endloses Geflochtenes Band. 8. Aufl., München: dtv. Kapitel XV: Aus dem System hinausspringen. Kapitel XVII: Church, Turing, Tarski und andere.
Saussure, Ferdinand de. 1967 [1916]. Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. 2. Aufl., Berlin: Walter de Gruyter & Co.
Synopse
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Objektivismus |
Strukturalismus |
Kognitive Linguistik |
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Worte haben Referenz in Welt |
Bedeutung durch Differenz der Worte innerhalb der Sprache |
Bedeutung erwächst aus sensomotorischer Interaktion mit der Umwelt |
Vorbemerkung
Ziel der Klausur soll sein, einen relativ groben und in keiner Weise umfassenden, dafür allgemeinverständlichen Überblick über das Gebiet der Semantik als „Lehre von der Bedeutung“ zu geben, insbesondere im Hinblick auf die Computerlinguistik. Wie kann Semantik modelliert werden? Warum wurde sich mit Semantik ab Mitte des 20. Jahrhunderts wieder verstärkt beschäftigt? Die These, eine (computer-)linguistische Modellierung lässt sich nur auf der Grundlage einer Strukturellen Semantik betreiben, soll dargestellt werden. Aber auch auf allgemein-linguistische und philosophische Aspekte soll (kurz) eingegangen werden sowie einige aktuelle gesellschaftlichen Implikationen der Künstlichen Intelligenz und Neurowissenschaften erörtert werden, die teilweise davon ausgehen, dass sich Bewusstsein in eine Software übertragen lässt, bzw. dass es einen freien Willen des Menschen nicht gibt. Als Arbeitsgrundlage dazu dienen die oben genannten Bücher. Gleichwohl werden Ideen von Searle, Turing, Putnam, Hofstadter, Weizenbaum et. al. skizziert. Was ist der Stand der Dinge, was sind die Erwartungen in Bezug auf die Modellierbarkeit von Semantik natürlicher Sprachen?
Einleitung
»Die Semantik, die Lehre von den Inhalten und Bedeutungen der Wörter und Sätze, ist ein weites Feld.«
K.D. Bünting
In dieser Arbeit soll begründet werden, warum die Lesart von Semantik als Bedeutungslehre, die z.B. auch die Beziehung zwischen Sprache und Denken und Welt fasst, im Kontext der (Computer-)Linguistik auf den spezielleren Begriff Wortbedeutungslehre eingeengt werden muss und sich damit abgrenzt von z.B. emotiver, situativer, expressiver und sozialer Bedeutung. Dazu wird die Mehode der Strukturellen Semantik vorgestellt. Semantik soll hier also als Wissenschaft von den sprachlichen (vorwiegend lexematischen1) Inhalten gebraucht werden. Der Begriff war (und ist) in der Linguistik nicht immer derart eingegrenzt verwendet worden. Überlegungen eines zu weit gefassten Semantikbegriffs können bis zum Ausschluss der Semantik aus linguistischen Theorien führen - ein zu eng gefasster Begriff kann aber den Fachbegriff 'Linguistik' (also der Wissenschaft von natürlicher Sprache) erodieren, also auslaugen, da wichtige Komponenten ausgeschlossen werden. In dieser Arbeit wird allerdings nur eben eine solch eingeschränkte Konzeption verwendet. Warum dies so ist wird im folgenden Hauptteil, der mit einer genealogischen Skizze beginnt, erläutert. Im Unterkapitel 'Definitionen' gehe ich vor allem auf den Begriff des Wortfeldes ein und stelle andere sprachstrukturelle Semantiktheorien dar. Der Begriff der Semantik im allgemeineren, umfassenderen Sinne wird am Ende der Arbeit erörtert.
Hauptteil
»Was sich wie vieles andere als gesunder Menschenverstand maskiert, ist in Wirklichkeit äußerst kompliziert und liegt gar nicht weit ab von den Spekulationen antiker und mittelalterlicher Philosophen.«
Bloomfield
Als einer der frühesten Quellennachweise der Reflektion über die Bedeutung von sprachlichen Zeichen dienen uns die Gedanken griechischer Philosophen. Zum Begriff Bedeutung schreibt John Lyons einleitend:
Die scholastischen2 Philospohen waren wie die Stoiker3 an der Sprache als Werkzeug zur Analyse der Struktur der Wirklichkeit interessiert. Deshalb war es gerade die Frage der Bedeutung oder der „Signifikation“, der sie das Größte Gewicht beimaßen. (Lyons 1971: 15)
Die Denkrichtung der sich auf Aristoteles berufenden Scholastiker ist die des Objektivismus. Dieser geht davon aus, dass der Verstand als Spiegel der (einen) Wirklichkeit zu betrachten ist, und dass linguistische Symbole zu Einheiten und Kategorien in der Welt korrespondieren, sich mithin Sprache, Denken usw. auf eine Logik zurückführen ließe (siehe dazu u.a. Lakoff 1987).
Die Stoiker dagegen
glaubten jedoch nicht, daß Sprache eine direkte Widerspiegelung der „Natur“ sei. Die meisten unter ihnen waren „Anomalisten“ die eine Entsprechung von Wörtern und Dingen verneinten und auf den unlogischen Aspekten der Sprache bestanden. (Lyons 1975: 12)
Die hier deutlich gewordenen gänzlich unterschiedlichen Auffassungen widerspiegeln einen alten, bis in die Gegenwart anhaltenden Disput in der Philosophie.4
Die neuere Geschichte der lexikalischen Semantik wurde bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts fast gänzlich unter diachronischem5 Aspekt betrachtet.6 Die Beschreibung der Semantik zu einem gegebenen Zeitpunkt, also die synchrone Betrachtung, wurde vor allem 1931 durch Jost Triers Habilitation „Der deutsche Wortschatz im Sinnbezirk des Verstandes. Die Geschichte eines sprachlichen Feldes“ revolutioniert. Zur Entwicklung seiner Lehre erklärt Jost Trier: „Im ganzen der Auffassung fühle ich mich am stärksten verpflichtet FERDINAND DE SAUSSURE, am stärksten verwandt LEO WEISGERBER.“7 (Trier 1931: 11 zit. nach Geckeler 1971: 89; Hervorhebung im Original). Doch war Trier zweifelsohne nicht der erste Denker dieser Idee. Eugenio Coseriu macht auf Karl Wilhelm Ludwig Heyse aufmerksam, dessen Buch „System der Sprachwissenschaft“ in Berlin 1856 posthum herausgegeben wurde. Heyse unternimmt darin eine „beinahe vollkommene strukturelle, wenn auch mit anderen Absichten durchgeführte Inhaltsanalyse [des Wortfeldes ‚Schall‛].“8 (Coseriu 1967:489 f. zit. nach Geckeler 1971: 88)
Das Wortfeld ist definiert als eine Sammlung von Wörtern mit gemeinsamen semantischem Merkmal.
Ein semantisches Merkmal ist dabei kein psychologisches, abstraktes Konzept, sondern ein Wortvaleur (nach de Saussure, siehe unten). Triers Hinweis auf Saussure liefert die auf den Genfer Linguisten zurückgehende Strukturalistischen Methoden: durch strukturalistische Tests, wie z.B. Substitution, Permutation und Tilgung, werden die Distributionen der Syntagmen untersucht. Dadurch lassen sich Wortfelder erzeugen.
Ein Grund für die (trotz Trier) weitgehende Ausklammerung der Semantik aus der Linguistik bis 1950 war sicherlich die Datenflut, die hätte verarbeitet werden müssen. Auf phonologischer Ebene ist die Anzahl9 der Elemente, und damit die Anzahl möglicher Distributionen10, relativ beschränkt.11 Auf der Wortebene ist die Anzahl der differenten Elemente um ein Vielfaches größer – und zudem dynamischer als auf phonologischer Ebene12. Dem amerikanischen Strukturalisten Leonard Bloomfield, dem oftmals Bedeutungsfeindlichkeit vorgeworfen wurde, beschreibt dies so:
In order to give a scientifically accurate definition of meaning of every form of a language, we should have to have a scientifically accurate knowledge of everything in the speakers' world. The actual13 extent of human knowledge is very small, compared to this. (Bloomfield 1965: 139 f.)
Erst seit Beginn der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts regt sich wieder großes Interesse an der Semantik. Dazu trug, so eine These der vorliegenden Arbeit, der nach Alan Turing benannte Turing-Test bei:
Im Zuge dieses Tests führt ein menschlicher Fragesteller über eine Tastatur und einen Bildschirm ohne Sicht- und Hörkontakt mit zwei ihm unbekannten Gesprächspartnern einen Chat. Der eine Gesprächspartner ist ein Mensch, der andere eine Maschine. Beide versuchen den Fragesteller davon zu überzeugen, dass sie denkende Menschen sind. Wenn der Fragesteller nach der intensiven Befragung nicht klar sagen kann, welcher von beiden die Maschine ist, hat diese den Turing-Test bestanden.
Der Turing-Test wurde 1950 von Alan Turing vorgeschlagen, um die Frage „Können Maschinen denken?“ zu entscheiden. Der aus der Anfangszeit des Informatik-Teilbereichs Künstliche Intelligenz stammende und seither legendäre Test trug dazu bei, den alten Mythos von der denkenden Maschine für das Computerzeitalter neu zu beleben. 14
Die digitale, maschinelle Sprachdatenverarbeitung, deren praktischer Ursprung im während des zweiten Weltkrieges speziell zur Dechiffrierung von militärischen Nachrichten der Deutschen gebauten Colossus gesehen werden kann,15 war zwar noch im Anfangsstadium, doch die Möglichkeiten und Entwicklungen wurden durch theoretische Überlegungen, wie etwa Turings, vorweggenommen und beflügelte sicherlich Theoretiker anderer Disziplinen.
Wenn auch der Zusammenhang von Informatik und Semantik u.a. in Geckeler (1971) nicht genannt wird, scheint es doch mehr als zufällig, dass
[i]m Jahre 1951 [...] ein Aufsatz von E.A. Nida mit dem für die damalige Situation des nordamerikanischen Strukturalismus ungewöhnlichen Titel: „A System for the Description of Semantic Elements“ [erschien]. Diese Arbeit schlägt zum ersten Mal eine umfassende und kohärente Terminologie für die Beschreibung der Bedeutung („meaning“) vor. (Geckeler 1971: 32)
Die Wiederentdeckung der Semantik innerhalb der Linguistik ist, so eine These dieser Arbeit, dem Umstand der Erfindung der maschinellen Datenverarbeitung geschuldet.
«Aliquid stat pro aliquo.«16
Für Chomsky ist Semantik aus der Syntax ableitbar. Da diese Annahme Probleme im Zusammenhang mit dem Anspruch der Erklärung von Kognition sich bringt, spielt Semantik in der generativen Grammatik kurzerhand eine untergeordnete Rolle. Chomsky schreibt 1988, dass es 'a priori Konzepte' gibt, die lediglich durch Worte, z.B. 'climb', gelabelt werden. Semantik gehört so gesehen nicht wirklich zur Linguistik. Im Gegensatz dazu stehen die Theorien der sogenannten „Kognitiven Linguisten“. Für Lakoff z.B. konstituieren räumlich-visuelle Erfahrungen (sprachlich-) konzeptuelle Strukturen: Bedeutung ist für Lakoff sprachunabhängig, Syntax ist der Bedeutung untergeordnet und aus ihr ableitbar.
Douglas R. Hofstadter, Professor für Kognitionswissenschaft und Buchautor, beschreibt den Unterschied von Syntax zur Semantik wie folgt: „Syntaktische Eigenschaften sind eindeutig in dem in Frage stehenden Objekt vorhanden, während semantische Eigenschaften von den Beziehungen zu einer potentiell unendlichen Klasse anderer Objekte abhängen und sich deshalb nicht vollständig lokalisieren lassen. Die Bedeutung eines Objektes ist nicht im Objekt selbst lokalisierbar. Das heißt nicht, dass es erst am Ende aller Zeiten möglich ist, die Bedeutung eines Objektes zu verstehen, denn während die Zeit verstreicht, entfaltet sich immer mehr Bedeutung. Es gibt aber immer auch Bedeutungsaspekte, die beliebig lange verhüllt bleiben.“ (Hofstadter 2001: 620 ff.).
Aktuelle Untersuchungen von Neurowissenschaftlern (z.B. Damasio) zeigen, dass es keine eindeutig abgrenzbaren „Chomskysche Module“ im Gehirn gibt. Vielmehr sind die verschiedenen 'Systeme' (Wahrnehmung, Reflektion, Gefühle, Sprache usw.) ineinander vermengt, und ebenso die Bedeutungskonstitution. Diese Beobachtungen, wie auch Lakoffs Konzepte, sind zwar sehr interessant, schießen aber über das genuine Kernthema der Linguistik, nämlich Sprache, hinaus. Deshalb, und auch weil sich zur Zeit noch keine psychischen Vorstellungen im Rechner modellieren lassen, wird im Folgenden die Eingangs erwähnte Lesart von Semantik als Wissenschaft von den sprachlichen Inhalten gebraucht.
Die lexikalische Semantik beschäftigt sich mit der Bedeutung von Wörtern wie auch der inneren Strukturierung des Wortschatzes insgesamt. Die Strukturierung besteht in der Darstellung der Relationen der Wörter zu anderen Wörtern und zeigt damit Verwandtschaft zur Kategorienlehre des Aristoteles sowie zu deren Weiterentwicklung, der Prototypentheorie Eleanor Roschs und auch der Kategorialsemantik. Als Bezeichnung solch einer Relation hat sich der Begriff Wortfeld etabliert. Der Begriff Wortfeld wurde vor allem von Trier und Weissgerber geprägt und suggeriert eine Sammlung von Wörtern, die durch ein gemeinsames semantisches Merkmal gekennzeichnet sind. Trier geht von einer Gliederung des Wortschatzes aus, bei der sich die Glieder, also die Wörter, gegenseitig voneinander abgrenzen und so ihre Bedeutung durch ihre Stellung innerhalb dieses Systems erhalten. Bei Saussure findet sich im Kapitel „Der sprachliche Wert, § 2“ ein Grundgedanke der Feldforscher:
Innerhalb einer und derselben Sprache begrenzen sich gegenseitig alle Worte, welche verwandte Vorstellungen ausdrücken: Synonyma wie denken, meinen, glauben haben ihren besonderen Wert nur durch ihre Gegenüberstellung; wenn meinen nicht vorhanden wäre, würde sein ganzer Inhalt seinen Konkurrenten zufallen. (Saussure 1967:138)
Lyons hat recht, wenn er darauf aufmerksam macht, dass wir nichts über die Worte wissen, wenn wir nur ihre Feldposition bestimmt haben: wenn wir z.B. wissen, dass „Spunk“ ein Synonym zu „Trellink“ und das Antonym zu „Fillefiz“ ist, uns aber jeder dieser Worte unbekannt ist, dann haben können wir keinem Wort wirklich Bedeutung zuweisen: Wenigstens ein Wort muss schon bedeutsam sein. Dazu liesse sich die Wortfeldtheorie mit dem ihr verwandten Kontextualismus, der aus Kollokationen, also Wortverbindungen, die häufig auftreten (etwa: „Der Spunk ist dunkel“), verbinden, um Attribute für die Worte zu erhalten. Aber wiederum gilt: wenn das Wort „dunkel“ unbekannt ist, trägt die Attribution nur zur sprachsystemimmanenten Bedeutungsbestimmung bei. Über diese Attribute liesse sich die Merkmalshypothese (oder: Atomistische Hypothese) umsetzen: Danach sind Bedeutungen keine ganzheitlichen, nicht weiter zu analysierende Einheiten, sondern setzen sich aus elementaren Inhaltselementen, den semantischen Merkmalen zusammen. Semantische Merkmale haben distinktive Funktionen, d.h. sie grenzen Wortbedeutungen voneinander ab. Ein „Mann“ ist männlich, belebt, erwachsen, eine Frau ist weiblich, belebt, erwachsen, ein Junge ist ... .
Die Beobachtung Lyons gilt weiterhin ! Die Merkmalstheorie führt zur Kategorienlehre Aristoteles: unter dem Begriff „Vogel“ sind Taube, Spatz, Falke und Pinguin subsumiert und gehören alle gleichwertig zur Vogelkategorie. Wittgenstein prägte den Begriff „Familienähnlichkeit“: „Brettspiele“, „Kartenspiele“ und „Ballspiele“ haben Ähnlichkeit, und die Schnittmenge bildet den/der Oberbegriff „Spiel“. Etwas weiter geht Eleanor Rosch mit der von ihr geprägten „Prototypensemantik“, nach der ein zusätzlicher Parameter den Begriffen zugeordnet wird, der den Ähnlichkeitsgrad der Worte zum Prototyp bestimmt. Z.B. wäre ein Pinguin ein „schlechter“ Vertreter für die Kategorie Vogel, während Rabe ein „prototypischer“, also „sehr guter“ Vertreter ist. (Hier lässt sich sehr schön erkennen, dass es korpus- bzw. kulturellabhängig ist, welcher Vogel als Prototyp angesehn wird: der Ländler wird den Raben angeben, der Städter möglicherweise die Taube, der südamerikanische Regenwaldbewohner den Papagei. Diese Beobachtung, die Wichtigkeit der Grundlage des Wissens, gilt generell für die Domäne Semantik). Durch die Prototypensemantik lassen sich, im Gegensatz zur reinen Kategorienlehre, unscharfe Grenzen ziehen. Letztlich lässt sie sich aber ebenso durch kombinierte Wortfelder darstellen, und also ebenso rein maschinell aus einem Korpus erzeugen. Lyons Beobachtung gilt immer noch !
Computerlinguistik:
Da sich diese strukturalistischen Methoden ihrer Form nach an den Naturwissenschaften orientieren, ihre Formalismen und Termini sich also der Logik und der Mathematik entlehnen, sind diese Methoden für den Einsatz in computerlinguistische Modelle prädestiniert.
Algorithmen können, nach dem gegenwärtigen Forschungsstand, nicht mit psychischen Vorstellungen arbeiten. Deshalb schließt u.a. Geckeler die sogenannten „Konnotationen“, die die Verbindung zu den psychischen Vorstellungen herstellen, aus dem Sprachsystem explizit aus:17
Konnotationen gehören, unserer Meinung nach, nicht zur Ebene des Sprachsystems, und zwar nicht allein deshalb, weil ihnen die intersubjektive Gültigkeit fehlt, sondern weil sie nicht die distinktiven Funktionen betreffen.
Für Saussure entsteht die Bedeutung eines Zeichens durch die Opposition zu anderen Zeichen. Er spricht daher von der Negativität des - in sich bedeutungslosen - Zeichens ("nullité du sème en soi"). Diesen systemischen Aspekt der differenzlogischen Bestimmung von Bedeutung bezeichnet Saussure als valeur, als systemischen Wert des Zeichens, als Bedeutung im System.18
Der Wert ist einerseits Bestandteil der Bedeutung, andererseits kann er auch die Bedeutung beeinflussen (Saussure 1967:136). Unter der Verwendung des valeur wird ein Wertfeld erzeugt, dass bar jeder psychischen Konnotation und ohne jede Interpretation rein maschinell erzeugt werden kann.
Als ein weiteres Verfahren zur maschinellen Generierung von Semantik kann die Heuristik der Transkription verwendet werden. Transkription, also das „Überschreiben, Übertragen“, kann als Überbegriff zur Bedeutungsgewinnung gelten. Dabei beobachtet George Lakoff : „Lewis is right about the inadequacy of doing semantics by translating one set of symbols to another.“ (Lakoff 1987:205).Ein Bedeutungsgewinn ist durch einfaches Ersetzen eines Symbols durch ein anderes, gleichbedeutendes (bzw. zuerst inhaltsleerem) Symbol nicht zu erreichen. Werden allerdings Symbole unterschiedlicher signifiés oder valeur in Beziehung gesetzt, verhält es sich anders. Ludwig Jäger erläutert zur Generierung von Semantik:
Der Begriff des Transkribierens, der als ein heuristischer und operativ zu erprobender Leitbegriff medienwissenschaftlichen Forschens angesehen werden kann, steht dabei für ein Verfahren wechselseitiger intermedialer Um, Ein- und Über-Schreibungen, das als eine basale Strategie für die Generierung kultureller Semantik zu fungieren scheint [...].
Bedeutungsgenerierung [ist] die wechselseitige Bezugnahme (...) symbolischer Mittel desselben Systems [(gemeint ist die Sprache)] aufeinander (...). Transkribieren in Bezug auf die Semantik natürlicher Sprachen [ist] ein intramediales Verfahren, das [...] ihre [(der Sprachen)] Eigenschaft nutzt, mit Sprache über Sprache zu kommunizieren und so den Verwendungssinn von Äußerungen zu erschließen [...].(Jäger 2004:71 f.)19
In diesem Sinne hat Ross Quillian im Jahre 1968 die auf Otto Selz zurückgehende Idee des semantischen Netzwerks in LISP umgesetzt. Zum Beispiel wird darin einem Wortsymbol [Table] unter anderem folgende Attribute zugeschrieben:
superordinate: FURNITURE
part: LEGS
Philip Johnson-Laird formuliert dazu: „By itself, this Symbol [(Table)] is meaningless, but it appears to become more meaningful if several labelled associations are linked to it.“ (Johnson-Laird 1993:328)
Weshalb sollte ein bedeutungsloses Symbol an Bedeutung gewinnen, wenn es mit weiteren bedeutungslosen Symbole vernetzt ist? Die (strukturalistische) Antwort darauf kann nur sein:
der Bedeutungsgewinn ist die so entstandene Relation zwischen den untereinander verknüpften Symbolen.
Alle hier skizzierten Semantiktheorien, also z.B. auch die Merkmalshypothese oder die Prototypentheorie, lassen sich durch strukturalistische Tests, also Ko(n)textanalysen, umsetzen. Das heißt, dass durch ein möglichst großes Korpus und auf Grundlage des Wissens über den Aufbau zugrundeliegender Sytagmen und der Grammatik automatisch lexematische Wortbedeutungen erzeugbar sind. Eins der bekanntesten Projekte dazu ist der 'Leipziger Wortschatz'.
Weitgefasste Semantik
Bedeutungsgenerierung findet im Gehirn statt. 1958 erscheint das Buch „The Computer and the Brain“ von John von Neumann, dem Architekten aller heute üblichen CPU, also der Central Processor Unit, die das Kernstück eines jeden Rechners darstellt. Auf dem vorderen Buchumschlag ist nur eine große, offene Rechenanlage mit ihren Verdrahtungen und Verschaltungen zu sehen. Auf der Rückseite steht neben der Rechenanlage John von Neumann selbst. Der Computer gilt seither als Modell des Gehirns. Viele Menschen glauben, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis Maschinen intelligenter sind als Menschen. Aber ist diese Gleichsetzung wirklich adäquat?
Ein Aspekt der Problematik ist, dass sich Algorithmen, also Programme die auf Rechnern ausgeführt werden können, stets in abgeschlossenen Systemen bewegen. Dies steht im schroffen Gegensatz zu Menschen, die „gödelisieren“20, also deren Gedanke sich über definierte Systemgrenzen hinweg bewegen. Das geschieht oft unbewusst. Dabei stellt Quine21 fest, dass diese Systeme insgesamt wieder ein geschlossenes System bilden: „Sätze dürfen sich nicht einzeln, sondern als geschlossene Formation dem Erfahrungstest stellen.“ (zit. nach Putnam 1999:35). Die Verkettung der Einzelbedeutungen von Sätzen (die z.B. mit der propositionalen Prädikatenlogik festgelegt sind als Beziehung von Argumenten zu Prädikaten) ergeben einen ganz anderen Sinn, als sich aus der Analyse der einzelnen Sätze erkennen ließe. Beispiel:
a) Ich sitze in der Kirche.
b) Ich trinke ein Bier.
Einzelnd gelesen sind die Sätze harmlos, aber zusammengefasst sind sie es nicht: „Ich sitze in der Kirche und trinke ein Bier“. Das Ganze ist also mehr als die Summe seiner Teile.
Das Problem daran ist, dass Menschen ihrer Systemüberschreitungen selten bewusst sind. Wenn beispielsweise die gleichen signifiants in unterschiedlichen Ko(n)texten stehen, so sind ihre signifiés unterschiedlich. Der Logiker Hilary Putnam macht dies mit einem Beispiel deutlich: Wenn bekannt ist, dass der Dieb durch ein Fenster eingestiegen ist, und außerdem der Boden vor dem Fenster matschig sei, so wird daraus „gefolgert“, dass es in dem Matsch Fußabdrücke gibt. Dies ist jedoch keine logische Folgerung aus den dargelegten Fakten, denn es wurde eine unausgesprochene Hilfshypothese verwendet, die besagt: Wenn der Dieb durch dieses Fenster eingestiegen ist, ist er über den Boden gegangen, um zu dem Fenster zu gelangen, und außerdem kommen noch allgemeine Informationen hinzu. Sagt ein Zeuge nun aus: „Nein, er ist auf Stelzen gegangen“, so wird damit gerechnet, anstelle der Fußabdrücke andere geformte Vertiefungen im Matsch zu finden.
Es ist eben die geschlossene Formation der Aussagen, die Erfahrungsbedeutung hat, und diese Bedeutung ist nicht die bloße Summe der Erfahrungsbedeutungen der Einzelaussagen. (Putnam 1999:35)
Wahrscheinlich wird die stetig steigende Rechenkraft es ermöglichen, den riesigen Kontext (im Sinne von Weltwissen) in Beziehung zu den Lexemen und Satzimplikationen zu setzen, etwa so, wie die Rechner der 1950er die Kontextanalyse von Wörtern möglich werden ließ (als Weiterführung zur auch ohne Rechner möglichen, da weniger rechenintensiven Analyse der Kontexte der Phoneme). Dadurch wären aber z.B. Emotionen, wie etwa verletzte religiöse Gefühle im Kirchenbierbeispiel, noch nicht konstituiert, d.h. emotive Bedeutung wäre immer noch nicht gefasst.
Rein sprachwissenschaftliche Theorien über Semantik können immer nur von sprachsystemimmanenter Bedeutung handeln (oder es handelt sich um fächerübergreifende Linguistik wie z.B. die Psycholinguistik oder die Kognitive Linguistik). Die Theorien können oftmals unbedeutete Worte durch andere, schon bedeutete Worte, erklären, indem sie miteinander in Beziehung gesetzt werden. Und nur diese Beziehungen lassen sich, mindestens prinzipiell und oftmals auch schon tasächlich realisiert, maschinell erzeugen. Die Ausgangspunkte aber, die „a priori“ gegebenen bedeuteten Worte, deren Bedeutung durch die Erfahrung des Menschen mit der Umwelt generiert wurde, lassen sich nur schwer, wenn überhaupt, in eine Maschine übertragen: die „Mechanismen“ dafür schließen die unterschiedlichsten Bereiche der Biologie, der Mathematik, der Psychologie, der Neurowissenschaft et cetera, ein. Es ginge darum, die verschiedenen Systeme miteinander zu koppeln.
Würde es tatsächlich gelingen könnte das zur Folge haben, dass Maschinen Bewusstsein erlangen würden. Hofstadter schließt nicht aus, dass dieses Streben letztlich auf eine komplette Kopie des Gehirns hinauslaufen könnte. Inwiefern ließe sich dann noch von einer Maschine sprechen? Was auch immer das Streben nach dem Golem mit sich bringen wird – die Leistung der Generierung der Ausgangspunkte, der „a priori“ gegebenen Bedeutungen, liegen nicht im Fachbereich eines Linguisten. Lyons Aussage, dass wir nichts über die Worte wissen, wenn wir ihre Position zueinander kennen, lässt sich auf alle anderen Semantiktheorien der Linguistik beziehen: auch durch die Merkmalshypothese, die z.B. dem Wort „Baum“ das Attribut „lebendig“ zuschreibt, liesse uns nichts über das Wort „Baum“ wissen, wenn wir nicht schon wüssten, was „lebendig“ meint. Die auf den ersten Blick lustige Aussage des Prager Funktionalisten Jakobson, ein Distributionalist würde auf die Frage „Was ist ein Speisewagen“ antworten „Ein Wagen, der nicht zwischen zwei Güterwaggons steht“, während die Funktionalisten antworten würden „Ein Wagen, in dem Essen zu sich genommen wird“, täuscht nur darüber hinweg, das die Funktionalisten bei der Problemlösung, Sprache durch Sprache zu beschreiben, dieselben Probleme haben wie die Distributionalisten, denn die Worte „Essen“ und „zu sich genommen“ usw. sind ja ebenso unbekannt (wenn nicht „irgendwie“ a priori gegeben), also ohne imaginatives Konzept, und stehen höchstens in Relation zueinander.
Das Chinesische Zimmer von Searle
Das Beispiel des Chinesischen Zimmers von Searle macht das grundlegende Nicht-Verstehen deutlich: Searle beschrieb einen geschlossenen Raum, in dem sich ein Mensch befindet. Ihm werden durch einen Schlitz in der Tür Zettel mit Geschichten in chinesischer Notation zugestellt. Er selbst ist der chinesischen Sprache nicht mächtig und versteht somit weder den Sinn der einzelnen Zeichen noch den Sinn der Geschichte. Danach erhält er noch einen Zettel mit Fragen zu der Geschichte (ebenfalls in chinesischer Notation). Der Mensch fände des Weiteren einen Stapel chinesischer Skripte und ein „Handbuch“ mit Regeln in seiner Muttersprache vor. Das Handbuch ermöglicht ihm das Skript mit der Geschichte in Verbindung zu bringen, allerdings ausschließlich auf der Ebene der Zeichenerkennung (über die Form der Zeichen). Auch entnimmt er dem Handbuch Anweisungen, welche Zeichen er (abhängig von den Zeichen der Geschichte und der Fragen) auf den Antwortzettel zu übertragen hat. Er folgt also rein mechanischen Anweisungen und schiebt das Ergebnis (die „Antworten“ auf die Fragen) durch den Türschlitz, ohne die Geschichte oder die Fragen verstanden zu haben. Vor der Tür wartet ein chinesischer Mandarinsprachler, welcher die Antwortzettel liest. Er kommt aufgrund der Sinnhaftigkeit der Antworten zu dem Ergebnis, im Raum befinde sich ebenfalls ein mandarinsprechender Mensch. Ergo wird der Turing-Test bestanden, obwohl der Mensch bar jeden Verstehens ist und er nichts weiter durchführt als reine Symbolmanipulation. Der Turing-Test kann also kein hinreichendes Kriterium für (bewusstseinsbedingte, nicht einmal komplexe) Intelligenz sein. Mithin schaffen Computerlinguisten mit den ihnen zur Verfügung stehenden Daten und Mitteln (quantitative, syntagmatische Analysen riesiger Korpora über die Heuristik der strukturalistischen Distributionsanalyse) sprachimmanente Bedeutung und kein System, dass menschliche Intelligenz besitzt.
Im Folgenden stelle ich knapp zwei (philosophische) Sichtweisen gegenüber, die die prinzipiell verschiedenen Herangehensweisen an Semantik zeigen:
objectivist view
Denken ist die mechanische Manipulation abstrakter Symbole.
Der Verstand ist eine abstrakte Maschine,die Symbole wie ein Computer durch algorithmische Berechnungen manipuliert.
Symbole (z.B. Wörter und mentale Repräsentationen) erhalten ihre Bedeutung durch Korrespondenz mit Sachen der externen Welt.Bedeutung wird generell durch Referenz erreicht. Symbole sind interne Repräsentationen externer Realität.
Die abstrakte Symbol-Manipulation ist unabhängig von besonderen Eigenschaften von irgendeinem Organismus.
Korrekt angewendet spiegelt der Verstand die Logik der externen Welt wieder.
Der menschliche Körper kann eine Rolle dafür spielen, welches Konzept und welche Arten des transzendentalen Verstandes der Mensch jetzt gerade benutzt, aber der Körper spielt keine essentielle Rolle bei der Charakterisierung, was ein Konzept und was den Verstand ausmacht.
Denken ist abstrakt und nicht verkörpert, da es unabhängig von Begrenzungen des menschlichen Körpers, dem Wahrnehmungs- Nervensystem ist.
Maschinen, die lediglich Symbole, die mit Dingen der Welt referieren, mechanisch manipulieren (Computer), sind zu bedeutungsvollen Gedanken und Verstand in der Lage.
experientalist view
Denken ist verkörpert: Die Strukturen der kognitiven Systeme entwickeln sich aus Erfahrung. Der Kern unserer kognitiven Systeme ist ein direktes Resultat von Wahrnehmung, Körperbewegung und Erfahrung mit physischem und sozialem Charakter.
Denken ist imaginativ: die Konzepte, die nicht direkt aus Erfahrung resultieren, erwachsen aus Metapher, Metonymie und mentaler Vorstellung. Die imaginative Fähigkeit erlaubt abstraktes Denken und ist indirekt durch Erfahrung verkörpert.
Denk-Konzepte haben komplizierte Formen.
Denken ist mehr als mechanische Symbol-Manipulation. Die Effizienz kognitiver Prozesse (Lernen und Gedächtnis) hängt von der Struktur des Systems ab.
Für den Strukturalismus dagegen existiert Struktur nur auf der Ebene eines Modells, nicht auf der Ebene der Wirklichkeit. Damit bewegt sich diese Theorie in einem enggesteckten Rahmen (oder System).
Das folgende Beispiel soll den Systembegriff, auf den oben schon öfter rekuriert wurde, verdeutlichen. Durch das Beispiel lässt sich auch die diskursive Darstellung von Hofstadter in seinem Buch „Gödel, Escher, Bach – Ein Endloses Geflochtenes Band“ gegenüber Lukas begreifen. Gegeben sei folgende Aufgabe:
Verbinde mit nur vier gerade Striche alle folgenden neun Punkte, ohne den Stift abzusetzen

Die anfänglichen Versuche der meisten Menschen werden ungefähr so aussehen

da ein gewisses „System“ mit seinen Systemgrenzen angenommen wird (das System wird unbewusst durch die Anordnug der Punkte „erkannt“). Solange sich der Problemlöser innerhalb dieses Systems bewegt, ist die Aufgabe aber unlösbar. Erst, wenn das kleinere System verlassen wird, ist die Aufgabe lösbar:

Formale Systeme können nur innerhalb ihrer Systemgrenzen arbeiten. Ein Mensch, so Lukas, befindet sich aber außerhalb dieser Systeme, kann mithin Problemlösungen durch Eingriff von „außen“ bewirken und damit z.B. das Problem der Neun-Punkte (oder das der Zuweisung von Wort- und Satzbedeutungen, die über das Sprachsystem hinausgehen) doch lösen. Formale Systeme, also in Rechner übertragbare Programme, sind immer finit und definit, und der Geist sei dies nicht. Hofstadter dagegen behauptet gerade das (der menschliche Geist eine (komplexe) Maschine sei): für das Lösen des Neun-Punkte Problems muss lediglich das formale System erweitert werden werden (für andere Probleme ist genauso zu verfahren. An irgendeinem Punkt übertrifft ein Rechner dann den menschlichen Geist, oder zieht zumindest gleich).
Immer dann, wenn der Semantikbegriff sehr eingeschränkt verwendet wird, entstehen Theorien für die Übertragbarkeit des „Denkens“ auf Maschinen. So stellt Hillary Putnam in den 1950er Jahren die These auf, der Computer sei das adäquate Modell für das Bewusstsein.22 In Repräsentation und Realität23 versucht er zu beweisen, dass seine These des sogenannten Funktionalismus nicht stimmen kann und schlussfolgert: „Kurz, wenn der Funktionalismus zuträfe, würde er den Behaviourismus implizieren!“ (Putnam 1999:218)
Viele Forscher der künstlichen Intelligenz gehen dennoch soweit zu behaupten, dass das Denken und Fühlen eines Menschen in einen Automaten programmierbar sei.24 Zu ihren Argumenten zählen Computermodelle, die neuronale Netze simulieren. Allerdings arbeiten mechanische Rechner immer sequentiell oder nur teilweise parallel – schon allein deswegen kann ein neuronales Rechnernetz nicht mit biologischen Systemen, die konsequent Informationen parallel verarbeiten, konkurrieren. Die durch neuronale Netze umgesetzten Programme sind zudem ebenso nach einer „Logik“ programmiert, die z.B. nach der Methode der Distributionsanalyse arbeiten. Also bleibt das grundsätzliche Problem, das Problem der Grenzen formaler Systeme, bestehen. Neurowissenschaftler wie Damasio haben gezeigt, dass Erfahrung neuronale Strukturen erzeugen, die aber nicht als etwas statisch repräsentiertes erinnert werden können, sondern durch neuronale abstrakte Stimulierung von Aktivierungsmuster rekonstruiert werden, gleichsam als ungenaue, wiederholte Simulation der Erfahrung. Die Wissensrepräsentation ist also indiskret und dynamisch und basiert auf Erfahrung, und folgt damit anderen Prinzipien als Rechnerprogramme. Trotzdem proklamieren renommierte Neuro-Wissenschaftler in einem Manifest in der vom Spektrum Verlag herausgegebenen Zeitschrift „Gehirn & Geist“ die Programmierbarkeit des Menschen: „Geist und Bewusstsein – wie einzigartig sie von uns auch empfunden werden – fügen sich also in das Naturgeschehen ein und übersteigen es nicht.“25 Es mag für manche Arbeiten notwendig sein, Menschen zeitweise lediglich als komplexe Maschinen zu interpretieren, beispielsweise in der (Neuro-)Chirurgie. Aber so wichtig und nützlich die Erforschung der Intelligenz auch ist, so gefährlich ist sie im Hinblick auf das von ihr induzierte allgemeine Menschenbild. Joseph Weizenbaum dazu:
Daß die Artificial-Intelligence-Elite glaubt, Gefühle wie Liebe, Kummer, Freude, Trauer und alles, was die menschliche Seele mit Gefühlen und Emotionen aufwühlt, ließen sich einfach mir nichts dir nichts in einen Maschinenartefakt mit Computergehirn transferieren, zeigt, wie mir scheint, eine Verachtung für das Leben, eine Verleugnung ihrer eigenen menschlichen Erfahrung, um es vorsichtig auszudrücken. (Weizenbaum 2001: 42)
Schluss
Zusammenfassend lässt sich festhalten:
Bei aller Beschäftigung mit Semantik, die ab Mitte des 20. Jahrhunderts und im Kontext digitaler Rechner eine Renaissance erlebte, wird oft vergessen, dass letztlich nur der Mensch durch seine Interpretation Symbolen, Relationen oder Netzwerken usw. Sinn zuspricht: ohne einen interpretierenden Menschen wird Bedeutung bedeutungslos.
1Ein Lexem ist ein Eintrag im Lexikon. Eigenschaften eines Lexems sind u.a. Merkmale der syntaktischen Klassifikation (z.B. Verb oder Nomen).
2Die Blütezeit der Scholastik lag im 13. Jahrhundert.
3Der antike Ursprung lag in Athen um 300 vor Christus.
4Aus den sogenannten Naturalisten und den ihnen entgegengesetzt denkenen Konventionalisten entwickelten sich später die sogennanten Analogisten und Anomalisten (vgl.: Lyons 1971:4 ff.).
5Der von Saussure geprägte Begriff diachron stammt aus dem Griechischen (dia[δια]=durch, hindurch und chronos[χρονος ]=Zeit). Ein diachronischer Prozess ist als ein Prozess der über einen längeren Zeitabschnitt hinweg stattfindet (z.B. der Wandel eines mittelhochdeutschen zum neuhochdeutschen Wort).
6Wobei „die Semantik schon im Rahmen der historisch ausgerichteten Sprachwissenschaft des 19. und des frühen 20. Jahrdunderts als letzte der klar umrissenen Disziplinen entstand.“ (Geckeler 1971:26 f.)
7Diesem Selbstzeugnis fügt Geckeler Wilhelm von Humboldt als einen weiteren Vordenker hinzu, da Weisgerber schließlich „in keiner seiner Arbeiten einen Zweifel über die entscheidende Rolle [aufkommen läßt], die Humboldts Ideen für seine sprachwissenschaftliche Konzeption spiele.“ (Geckeler 1971:89)
8Die explizite Bezeichnung Wortfeld findet sich in Heyses Werk noch nicht. Spätestens 1910 findet der Feldbegriff Verwendung. Geckeler (1971:88) verweist hierbei auf das im Jahr 1910 erschiene Buch von Adolf Stöhr „Lehrbuch der Logik in psychologisierender Darstellung“.
9Natürliche Sprachen haben zwischen 13 und etwa 80 Phoneme. So gibt es im Sobei, einer ozeanischen Sprache, 15 Konsonanten und 5 Vokale. Das deutsche Phoneminventar hat etwa die Größe von 40.
10Die „ungünstigste“ Anzahl der möglichen Distributionen errechnet sich aus der Anzahl der Elemente potenziert mit der „Ordnung“ (oder: Stelligkeit) der Distributionsanalyse. Die wichtigsten Aussagen sind schon mit Analysen zweiter Ordnung, also der Beschreibung eines Elementes und seines direkten Nachfolgers, zu erreichen. Beispielsweise gilt für das Deutsche: Dem /p/ kann ein /f/ folgen, aber kein /t/.
11Der Strukturalismus hat sich anfangs fast gänzlich auf den Bereich Phonologie konzentriert.
12Sprache ist ein offenes, lebendiges System und konstituiert ständig neue Worte. Mit Ludwig Wittgensteins Worten „Sprache ist eine Lebensform“.
13Diese Äußerung stammt aus dem Jahre 1933.
14http://de.wikipedia.org/wiki/Turing-Test (letzter Zugriff: 21.02.2006)
15http://de.wikipedia.org/wiki/Colossus (letzter Zugriff: 21.02.2006)
16Etwas, das für etwas anderes steht.
17Unter anderem Halliday (1966) versteht den Begriff Konnotation genau im Gegegenteil als grundlegend für strukturelle Bedeutung: „Die auf dem konnotativen Bedeutungsaspekt beruhende strukturelle Bedeutung umfaßt demgegenüber sämtliche sprachinternen Relationen (wie etwa Synonymie, Hyperonymie u.a.), welche die Position eines Zeichens innerhalb des Sprachsystems bedingen.“ (Mehler 2004)
18Vergleiche dazu Saussure (1967), Kapitel 4 „Der sprachliche Wert“.
19Transkriptive Verfahren unter intra- und intermedialer Bezugnahmen sind nach Jäger z.B. Konkordanzen, Glossare, Register, Lexika, Enzyklopädien, Datenbanken und Suchmaschinen.
20Für eine nähere Erläuterung siehe Hofstadter (2001)
21Willard Van Orman Quine ist einer der einflussreichsten amerikanischen Philosophen und Logiker des 20. Jahrhunderts.
22Die Theorie erhielt den Namen Funktionalismus
23Der Beweis erschien das erste Mal 1981 in „Reason, Truth, and History“ und wurde bekannt als Putnams Theorem.
24Ähnlich der Gestalt Datas aus der bekannten Science Fiction Serie Star Trek – The Next Generation und ähnlch dem Androiden aus dem Film Bladerunner (der auf dem Roman „Do Androids Dream of Electric Sheep?“ von Philip K. Dick beruht).
25http://www.gehirnundgeist.de/blatt/det_gg_manifest (letzter Zugriff: 28.02.2006)