Unbegreiflicheweise sehe ich mich damit konfrontiert, daß heute
Dokumentation mit WYSIWYG-Werkzeugen erstellt, bearbeitet und
verteilt wird. Diese Werkzeuge (meist Word oder OpenOffice) sind
unfassbar unhandlich, schlecht zu bedienen, für kaum ein Betriebssystem
verfügbar und erzeugen am Ende auch noch bestenfalls mittelmäßige
Ergebnisse. Aber selbst wenn man von diesen Punken absieht, sind Word
& Co. absolut ungeeignet, Dokumente gemeinsam zu bearbeiten,
diese mit anderen auszutauschen oder die Dokumente versionssicher zu
verwalten.
Datenaustausch und die Freiheit des Anderen
Bei Dokumenten, die von mehreren Personen bearbeitet werden sollen (oder
müssen) stellt sich zunächst natürlich die Frage nach dem Format der
Daten, die bearbeitet werden sollen. Menschen arbeiten unterschiedlich
und mit unterschiedlichen Programmen. Es ist absolut nicht einzusehen,
warum Person A Person B dazu zwingen sollte, ein spezielles Programm zur
Erstellung von Text zu verwenden. Das gilt natürlich vor allem
dann, wenn man den Anderen zwingen möchte dieses Programm auch noch
zu kaufen.
Was kann also jeder bearbeiten, der einen Rechner besitzt? ASCII! Alle
können das bearbeiten. (Selbst hierbei gibt es natürlich
Probleme. Zeilenumbrüche sind z.B. zwischen Windows und Unix
unterschiedlich kodiert. Aber die Probleme sind ungleich weniger
störend.) Texte (wir können hier neben ASCII auch die in der
westlichen Welt weithin etablierte Kodierung iso-8859-1 gelten lassen.)
sind einfach zu verteilen. Sie sind klein verglichen mit z.B. einem
Word-Dokument. Außerdem gibt es viele, viele, viele Werkzeuge, um Text
zu bearbeiten. Darunter auch Versionierungssysteme, die sehr effizient
verschiedene Versionen eines Textes bearbeiten können.
Vom Inhalt zur Darstellung
Natürlich möcht heute niemand mehr Dokumente als ASCII-Text
präsentiert bekommen. Weder am Bidschirm, noch als Ausdruck. Also muß
der Text am Ende formatiert, und in ein Format gewandelt werden,
daß mehr Formatierungen darstellen kann. Ich möchte betonen, daß dies
unabhängig von der Erstellung des Inhaltes sein soll.
Gerade hier zeigt sich das große Problem von WYSIWYG. Es verleitet
dazu, sich mit dem Layout zu beschäftigen. Mit etwas, was einen gar
nichts angeht. Als Autor geht es zunächst nur um den Inhalt und
um die Strukturierung eines Dokumentes. Diese Strukturierung kann aber
nicht durch Formatierungen erreicht werden. Hierzu benötigt man
"semantischen Markup". Der Autor muß keinen Text kursiv setzten, wenn
er etwas betonen möchte; er muß nur festlegen, daß dies oder das
betont werden soll. Die Autoren müssen auch Überschriften (oder andere
Gliederungselemente) nicht groß, fett, eingerückt und durchgehend
nummeriert setzten. Sie müssen nur angeben, was eine Überschrift
auf welcher Ebene ist. Die Formatierung macht dann der Setzer und ein
Layouter.
Semantischen Markup kann sehr einfach in Text-Dateien erfolgen. Hier einige
Beispiele:
* < H1>Überschrift erster Ebene in HTML< /H1>
* \subsection{Überschrift zweiter Ebene in LaTex}
* \emph{hervorgehoben in LaTex}
* _hervorgehonen in Text_
* \begin{poem}
Anbete du das Feuer hundert Jahr,
Dann fall hinein, dich frißts mit Haut und Haar.
\end{poem}
Und sowas können heute Computer super gut automatisch setzen! ...
Absatz ist nicht Zeilenende!
Eine entsetzliche Mode ist das kennzeichnen von Absätzen durch einen
Zeilenumbruch. Das ist nicht so! Ein Absatz ist ein zusätzlicher
Abstand zwischen den Zeilen. Kein Mensch empfindet einen Zeilenumbruch
als Absatz. Niemand! Nehmt mal ein Buch in die Hand. Und sogar die
bescheuerten Tools, die einen Zeilenumbruch als Absatz kodieren, sogar
die stellen die lange, lange, lange Zeile mit Zeilenumbrüchen
dar. Schaut doch mal hin!